Der Fear und Greed Index erklärt – Beispiele & Trading Strategien

Das Handeln mit Wertpapieren kann in der Tat sehr profitabel sein. Dafür benötigt der Trader lediglich ausgeprägte analytische Fähigkeiten und eine passende Strategie. Doch die Stimmung auf dem Markt ist in der Regel nicht objektiv und rational, sondern wird von Angst (fear) und Gier (greed) beeinflusst. Um diese beiden Eigenschaften zu messen, wurde ein spezieller Indikator entwickelt – der Fear and Greed Index. Wie er genau funktioniert, was er aussagt und welche Faktoren er berücksichtigt, zeigt der folgende Artikel.

Fear and Greed index - What emotion is driving the market now? - Greed 63
Fear and Greed index

Definition: Was ist der Fear Greed Index?

Beim Fear and Greed Index handelt es sich um einen Stimmungs-Indikator, der im Jahr 2012 von CNN Money geschaffen wurde. Damit lässt sich der Grad der Emotionen quantifizieren, die Anleger beim Kauf von Aktien zum jeweiligen Zeitpunkt empfinden. Der Index gibt also Aufschluss über die derzeitige Marktstimmung bzw. Marktdynamik (Market Momentum), die auf einer Skala von Angst und Gier (fear and greed) gemessen wird.

Dabei werden verschiedene Kennzahlen zur relativen Bewertung genutzt – dazu später mehr. Den Fear Greed Index können Händler nutzen, um ein Gefühl für die aktuelle Stimmung an der Börse zu erhalten und dadurch sinnvolle Anlageentscheidungen und Strategien abzuleiten. Dahinter steht die Annahme, dass sowohl Angst als auch Gier starke Emotionen sind, die das Verhalten der Anleger beeinflussen können. Das wiederum kann Auswirkungen auf die Wertpapierkurse haben, da so festgestellt werden kann, ob der Aktienmarkt aktuell fair bewertet ist.

Was sagt der Fear and Greed Index aus?

Um die Aussage des Fear and Greed Index zu erklären, schauen wir uns zunächst die klassischen Marktphasen an. Der Wirtschaftszyklus setzt sich nämlich grundsätzlich aus vier Phasen zusammen: Aufschwung (Expansion), Hochkonjunktur (Boom), Abschwung (Rezession) und Tiefphase (Depression). In diesen großen, übergeordneten Bewegungen des Wertpapierkurses finden sich noch viele kleinere, wellenartige Bewegungen.

Übersicht über einen Konjunkturzyklus

Doch im Grunde lassen sich drei Arten von Trends unterscheiden: Seitwärtsphase, Aufwärtstrend und Abwärtstrend. Je nachdem in welcher Phase sich der Kurs befindet, reagieren Anleger mit unterschiedlichen Emotionen. Während eines Abwärtstrends kommt meist die Furcht der irrationalen, emotional handelnden Trader zum Ausdruck, die ihren Höhepunkt im Markttief hat.

Die Angst führt dazu, dass Werte abgestoßen werden, die Nachfrage zurückgeht und somit der Preis sinkt. Rationale Händler hingegen sehen dies als Zeichen dafür, dass der der Vermögenswert unter seinem eigentlichen Wert gehandelt wird. Dies kann auch als Kaufsignal interpretiert werden.

Bewegt sich der Kurs allerdings in die andere Richtung, also nach oben, so setzen Euphorie und Gier beim Anleger ein. Jeder will noch ein Stück vom Kuchen abhaben und kauft Anteile des Produkts, auch wenn die Kurse laut rationalen Käufern schon lange überbewertet sind. Ihren Höhepunkt hat die Gier im Markthoch. Rationale Käufer hingegen erkennen, dass das Wertpapier überbewertet ist und werten dies als Verkaufssignal.

Wie funktioniert der Fear Greed Index?

CNN Money verfolgt für seinen Fear Greed Index sieben Faktoren zur Bewertung. Diese werden jeweils auf einer Skala von 0 bis 100 gemessen, woraufhin ein gleichgewichteter Durchschnitt der einzelnen Indikatoren gebildet wird. Dabei wird der Indexwert für Angst und Gier selbst auf einer Skala von 0 bis 100 ausgedrückt, während 0 das Maximum der Angst (extreme fear) ist und 100 das Maximum der Gier (extreme greed). Ein Wert von 50 bedeutet, dass die Marktstimmung derzeit neutral ist.

Fear and Greed Index misst die Trading Psychologie
Fear and Greed Index misst die Trading Psychologie

Für die Crypto Market Fans unter uns gibt es ebenso einen Crypto Fear Greed Index, der für Coins wie beispielsweise den Bitcoin genutzt werden kann. Dieser wird von der Website Alternative.me veröffentlicht, welche der Meinung ist, dass das Verhalten auf dem Crypto Market ebenso emotional wie auf traditionellen Märkten ist. Bei einem bullischen Markt können Anleger nämlich Angst haben, etwas zu verpassen (fear of missing out = fomo). Doch um nun zum Thema zurückzukommen, werfen wir einen genaueren Blick auf die sieben Faktoren, die der Fear and Greed Index berücksichtigt:

  • Aktienkursdynamik (Stock Price Momentum)
  • Aktienkursbreite (Stock Price Breadth)
  • Stärke der Aktienkurse (Stock Price Strength)
  • Put- und Call-Optionen
  • Marktvolatilität (Market volatility)
  • Nachfrage nach Junk Bonds
  • Nachfrage nach sicheren Häfen

Aktienkursdynamik (Stock Price Momentum)

Für den Fear and Greed Index wird zum einen der Stock Price Momentum Indikator herangezogen. Dieser vergleicht den aktuellen Stand des breiten Aktienmarktindex S&P 500 mit seinem 125-Tage-Durchschnittskurs. Sofern die beiden nah beieinanderliegen, zeigt der Index ein neutrales Ergebnis an. Liegt der S&P 500 Kurs allerdings über dem 125-Tage-Durchschnitt, dann bedeutet das eine Tendenz in Richtung Gier. Liegt er hingegen darunter, dann überwiegt die Angst.

Aktienkursbreite (Stock Price Breadth)

Des Weiteren berücksichtigt der Fear Greed Index den Stock Price Breadth Indikator, der das Handelsvolumen (Trading Volume) von verschiedenen Aktien analysiert, die aktuell steigen oder aber fallen. Kann eine steigende Aktie ein höheres Handelsvolumen aufweisen, kann man davon ausgehen, dass der Index in Richtung Gier ausschlägt. Weist hingegen eine fallende Aktie ein höheres Handelsvolumen auf, dann bedeutet das Angst. Ohne eine Tendenz kann man von einer neutralen Marktstimmung ausgehen.

Aktienkursbreite im Fear und Greed Index - McClellan Volume Summation Index
Aktienkursbreite im Fear und Greed Index

Stärke der Aktienkurse (Stock Price Strenght)

Mit dem Stock Price Strength Indikator lässt sich die Anzahl der Aktien, die and er NYSE (New York Stock Exchange) neue 52.Wochen-Hochstände erreichen, mit der Anzahl an Aktien vergleichen, die an der NYSE neue 52-Wochen-Tiefstände erreichen. Sind Hoch- und Tiefstände ungefähr im Gleichgewicht, ist das Ergebnis neutral. Liegt die Anzahl an Hochständen deutlich über den Tiefständen, ist Gier das Ergebnis. Liegt die Anzahl an Tiefständen allerdings deutlich über der Anzahl an Hochstände, dann ist das Ergebnis Angst.

Put- und Call-Optionen

Der Fear and Greed Index bedient sich des Weiteren am Put und Call Options Indikator, der auf dem Open Interest von Optionen basiert und die Anzahl an offenen Put-Optionen mit der Anzahl an offenen Call-Optionen ins Verhältnis setzt. Ein hoher Absicherungsbedarf drückt sich in einer steigenden Anzahl an Put-Optionen aus, was Angst als Ergebnis hat. Hingegen bedeutet eine erhöhte Anzahl an Call-Optionen das Ergebnis Gier. Ohne eine klare Tendenz ist die Marktstimmung bzw. Market Momentum als neutral einzuordnen.

Marktvolatilität (Market volatility)

Der Market Volatility Indikator vergleicht den CBOE Volatilitätsindex (VIX), der die Volatilität der Aktien des S&P 500 misst, mit seinem 50-Tage-Durchschnittskurs. Liegen beide Werte nah beieinander, dann ist die Stimmung neutral. Liegt der Index deutlich über diesem 50-Tage-Durchschnitt, so ist die Volatilität am Markt erhöht und das wiederum spricht für Angst als Ergebnis. Liegt der VIX dagegen weit unter dem 50-Tage-Durchschnitt, ist die Folge Gier.

Marktvolatilität im Fear und Greed Index
Marktvolatilität im Fear und Greed Index

Nachfrage nach Junk Bonds

Beachtung findet ebenso der Junk Bond Indikator. Dieser analysiert den Spread, das heißt die Differenz zwischen Renditen von Anleihen mit geringer Bonität (Junk Bonds) und solche mit hoher Bonität (Investment Grade). Ist die Differenz bzw. der Spread besonders groß, haben Anleger einen höheren Risikoaufschlag als für gewöhnlich und das resultiert in Angst. Ist der Spread hingegen besonders klein, ist das Ergebnis Gier. Ein moderater, gewöhnlicher Spread dagegen spricht für eine neutrale Stimmung.

Nachfrage nach sicheren Häfen

Um die Performance von Aktien mit der Performance von Treasuries (Staatsanleihen der USA) in einer Periode von 20 Tagen zu vergleichen, wird der Safe Haven Demand Indikator eingesetzt. Liegt die Performance der Aktien deutlich über den US-Staatsanleihen, wird dem Markt eine Gier zugeschrieben. Hingegen spricht eine Outperformance der Staatsanleihen für Angst am Markt. Ist die Differenz nur leicht, ist das Ergebnis neutral.

Nachfrage nach sicheren Häfen im Fear und Greed Index
Nachfrage nach sicheren Häfen im Fear und Greed Index

Chancen und Risiken beim Einsatz des Fear and Greed Index im Trading

Wie alles andere hat auch der Fear and Greed Index Vor- und Nachteile. Diese schauen wir uns im Folgenden genauer an. Obwohl es keine allgemein anerkannten Forschungsergebnisse über die Biochemie der Gier gibt, sind einige Wissenschaftler der Meinung, dass Gier unser Gehirn erheblich beeinflussen kann. Nämlich insofern, dass sie uns dazu bringt, unseren gesunden Menschenverstand sowie Selbstkontrolle außer Acht zu lassen. Gier wie auch Angst können demnach starke Motivatoren für uns Menschen sein.

Immerhin wurden über Jahrzehnte hinweg Belege für die Effekte von Angst und Gier auf die Entscheidungen von Investoren vorgelegt und liefern überzeugende Argumente. Denn viele Anleger reagieren emotional auf Marktgeschehnisse und Änderungen der Kurse. Daher ist der Fear Greed Index in vielen Fällen ein zuverlässiger Index für eine Trendumkehr an den Aktienmärkten.

Wichtig dabei ist allerdings, dass der Index nicht als einziges Instrument für Anlageentscheidungen (investment decisions) herangezogen wird. Stattdessen sollten Anleger stets weitere Indikatoren als Bestätigung bzw. Feedback berücksichtigen. Außerdem sollten Trader die Angst im Auge behalten, um sie als Kaufgelegenheit nutzen zu können, sobald Aktienkurse sinken. Zeiten der Gier sollten hingegen als potenzieller Hinweis für eine Überbewertung des Wertpapiers und somit als Verkaufssignal betrachtet werden.

Fear and Greed Index Chancen und Risiken

Während einige Investoren fest auf diesen Index setzen, lehnen ihn wiederum andere als solides Anlageinstrument ab. Als Begründung wird häufig angegeben, dass er eher zu einer Market-Timing-Strategie anstatt zu einer Buy-and-Hold-Strategie ermutigt, welche im Grunde der beste Weg ist, um in Aktien zu investieren. Instrumente wie der Fear and Greed Index ermutigen Anleger dazu, Aktien häufiger zu kaufen und verkaufen, was eine geringeren Rendite zur Folge hat.

Fazit: Hilfreicher Index zur Beurteilung der aktuellen Marktstimmung

Der Stimmungsindikator Fear and Greed Index wurde 2012 von CNN Money entwickelt und soll Aufschluss über die derzeitige Marktstimmung geben. Denn wir Menschen lassen uns in unserem Handeln häufig von Emotionen wie Angst und Gier beeinflussen. Der Index besteht aus einer Skala, auf der diese beiden emotions gemessen werden. Diese reicht von 0 bis 100, während 0 das Maximum der Angst und 100 das Maximum der Gier darstellt.

Als Basis werden sieben Faktoren besonders beachtet: Aktienkursdynamik, Aktienkursbreite, Stärke des Aktienkurses, Put- und Call-Optionen, Marktvolatilität, Nachfrage nach Junk Bonds und die Nachfrage nach sicheren Häfen. Indem der Anleger einen Einblick in die aktuelle Stimmung an der Börse erhält, kann er leichter Trends oder potenzielle Wenden erkennen und bessere Anlageentscheidungen treffen. Für die Cryptocurrencies gibt es auch den Crypto Fear and Greed Index.

Während einige Investoren den Fear and Greed Index als solides Anlageinstrument vehement ablehnen, setzen andere Anleger fest auf diesen Index. Kritiker werfen ihm vor, Trader zu häufigem Handeln zu ermutigen – was die Renditen schmälert – , anstatt eine zuverlässige Buy-and-Hold-Strategie zu nutzen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Fear and Greed Index wertvolle Handelssignale liefern kann, allerdings in keinem Fall als einziger Index berücksichtigt werden sollte. Empfehlenswert ist es, immer mindestens einen weiteren Indikator als Bestätigung zu betrachten.

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Zuletzt geupdated am 10/10/2022 von Andre Witzel

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